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Archiv 2014/2

 

Lieber kein „lieber“ Gott

 

Zu diesem Schluss kommen viele denkende Menschen, die Gläubigen aber wollen das

neue Denken partout nicht tolerieren. Nietzsches Ausruf (oder Geflüster): „Gott ist tot!“,

war  damals ein Skandal, machte ihn zum Outlaw und völlig unverstandenen Philosophen.

Dass er als Pfarrerssohn zu dieser Einsicht kam, war wohl kein Zufall.  Er liebte zwar seinen

zu früh verstorbenen Vater als Kind, als Erwachsener lebte er in einem eifrig religiös

heuchlerischen Drei-Frauen-Haushalt. Seine Schwester pflegte ihn, zensierte aber dann

sein Werk stümperhaft-bösartig durch ihre religiöse Brille und kreierte damit endlose

Missverständnisse. Erst heute können wir Nietzsche in seiner ganzen Grösse erkennen

und seine Leistung im Bereich Religionskritik würdigen.

Sein Hinweis darauf, dass das ganze Christentum ein Irrtum war, wo das Menschsein

verkrüppelt statt gefördert wurde, hilft allen von dieser Religion geplagten, verfolgten,

gefolterten, missbrauchten Opfern sich von all dem zu befreien und selbst zu denken

statt nur zu glauben. Dies ist ja seit der Aufklärung Programm. Heute aber erleben wir

zwei Trends: die Abwendung von den etablierten Staatskirchen und die Hinwendung zu

neuen Formen des metaphysischen Gottesglaubens. Gott ist Mammon. Dieser ist für

viele unbestritten. Andere Formen führen zu neuer Heuchelei, Sekten und neuen Irrtümern.

Wie geht es uns heute den  bekennenden Anti-Christen, Agnostikern oder Atheisten?

Wir Humanisten lehnen natürlich nicht nur die christliche Religion ab, sondern auch alle

andern Glaubensrichtungen mit totalitären, ideologisierenden, menschenverachtenden

Programmen. Wir können uns selber führen, philosophieren statt nachbeten, den ganzen

Bereich von Angsterzeugung, Sündenbockproduktion, Selbstkasteiung, Menschenveracht-

ung, Heuchelei, Irrtum, Egoismus, Erpressung und Ablassmentalität hinter uns lassen.

Bibelmissübersetzungen und Missinterpretationen gibt es zu Hauf. Oder es gibt nur diese.

Unverständnis der Aussagen von irgendwelchen Menschen aus jenen fernen Zeiten, die

uns nun nicht mehr gedanklich zugänglich sind, ist doch selbstverständlich und auch

durch zweitausend Jahre Exegese nicht mehr zu klären. Also beruht jeglicher Glaube in

diesem Sinne auf Missverständnissen, die zu gravierendsten Folgen für das Menschsein

führten und dies immer noch tun. Eine Söldnerschar von Priestern und Pfarrerinnen

verteidigt mit letzter Kraft ihre Positionen, aber alles wankt.

Richard Dawkins hat in seinen Büchern die menschliche Situation konsequent zu Ende

gedacht, den Gotteswahn als Menschenwahn enttarnt und eine Stiftung zur Förderung der

menschlichen Autonomie im spirituellen Bereich gegründet. Auf Twitter finden wir Noel McGivern,

der sich selbst als Opfer der katholischen Kirche in Irland bezeichnet und in seinem Buch

Freedom from Religion eine akribische Bibelkritik vornimmt. Täglich twittert er Messages und

versucht die noch Gläubigen vom menschenverachtenden System weg zu bringen. Er sagt,

"we have left religion because we came to a point where we saw it made no sense. Walking

away was the only honest thing we could have done... realizing that religion does more harm

than good.“

 


 

Kreativ-Koch zaubert: Kochen—doch eine Hexerei?

 

Weitab von den Hotspots, wo wir Spitzenköche und gastronomische Höhenflüge erwarten würden, ist in der Unesco-Biosphäre

Entlebuch/LU im „Rössli“ ein solcher am Werk. Stefan Wiesner führt da in seinem von den Eltern 1989 übernommenen Gasthof

zusammen mit seiner Frau ein Kreativlabor der ganz besonderen Sorte. Er ist davon überzeugt, dass eine gute Küche aus viel

mehr als den traditionellen Gerichten bestehen kann. Seine Suche nach neuen Geruchskombinationen lässt ihn die Natur in der

Umgebung seines Lokals erkunden und immer neue Entdeckungen machen. Er schafft es aber auch, den Leuten aus der Region

z.B. am Mittag eine einfachere gesunde Küche anzubieten. Wiesners avantgardistische Naturküche ist mit 17 Gault Millau-Punkten

und einem Guide Michelin-Stern ausgezeichnet. Die Landküche erhielt den Guide Michelin BIB Gourmand.

Bereits findet da fleissig Legendenbildung statt: Der begabte Koch sei ein „Hexer“, ein Goldsucher, ein Food-Hunter, ein kulinar-

ischer Alchemist, ein keltischer Schamane, ein Geruchskomponist, ein Gesamt-Event-Künstler.

Stefan Wiesner ist auf seinem ganz persönlichen Weg unterwegs: Er findet und verwendet Gold in einigen von seinen Gerichten:

ein Goldrausch eines kulinarischen Alchemisten, er verwendet Spagyrik, um Duft- und Geschmacksmoleküle zu zerlegen und

wieder zusammen zu setzen. Da ist ein Künstler am Werk, dessen Suche nach ständig neuen Duftkombinationen und Geschmacks-

richtungen und die dafür benötigten Zutaten ihn zu kreativen Höhenflügen anspornen. Sein forschender Geist findet Inspiration in

seiner nächsten Umgebung.

Wiesner arbeitet zusammen mit lokalen Lieferanten von Lebensmitteln und Informationen über Rohstoffe. Sein Betrieb ist für

junge Kochaspirantinnen eine sehr gute Adresse, eine Nachwuchsköchin hat bereits einen internationalen Preis errungen. Eine

ganzheitliche, lokal und auch global verankerte Küche, ein Gesamtkunstwerk, das 6-Gang Menu liest sich wie ein surreales Gedicht,

dahinter ist immer  ganz viel Gedankenarbeit, Duft- und Geschmackserforschung als Inspirationsquelle. Von der dreitausendjährigen

Eiche über selbst gewaschenes Napf-Gold, Rost von Nägeln, Ameisen bis zu Brennnesseln, Moos oder Heu—fast alles kann in

Wiesners Kochtopf landen! In jeder Jahreszeit entsteht so ein auch saisonal bedingtes Angebot. Aber sogar ein Gourmet, der sich

Ausgefallenes gewöhnt ist, braucht etwas Zeit, sich mit der Idee anzufreunden, dass sein Desserteis mit Büffelmilch zubereitet ist

und der Rost von Eisennägeln dem seine besondere Note geben kann. Ganzheitliches Denken ist für Wiesner die Voraussetzung

für sein Schaffen. Er inspiriert sich bei verschiedenen Sparten: Chemie, Antroposophie, Archäologie, Baumkunde, Magie, Parfüm-

herstellung, Food Hunting, Philosophie und Kunst. Seine Methode ist eine Kombination von alter Philosophie (Paracelsus u.a.),

Ausdauer, Sammeltätigkeit und Kochkunst, woraus immer neue Erfindungen undKreationen als gastronomische Köstlichkeiten

entstehen. Wiesner streift oft tagelang durch die Natur und studiert die Habitate von Tieren und ihre Essgewohnheiten, um auch

davon zu lernen. Der deutsche Gastro-Kritiker Jürgen Dollase nennt das „Nova-Regio-Küche“,    ein Zusammenspiel zwischen

regionalen und avantgardistischen Trends.

Wie bereits angedeutet lernte Wiesner Einiges von Parfümherstellern. Er entwickelte selber eine Nase und einen Gaumen, die ihn

zu immer neuen Spezialitäten führen.

Der Natur-Küchenchef sagt, es gebe vier Kochmethoden:

1. Die Komponenten von Parfümen bestimmen, und ihr Zusammenspiel begreifen.

    Der Geruch von Pour Homme von Nino Cerutti wurde so bei Wiesner in einen Wurstgang integriert, indem er die Elemente

    Basilikum, Bergamotte, Fenchelsamen und Zeder verwendete.

    Ein anderes Parfüm, das ihn inspirierte, war Chrome Legend von Azzaro.

2. Eine weitere Methode besteht darin, Geruchs- oder Geschmacksfamilien zu bilden.

3. Eine andere verwendet Modifikatoren.

4. Und schliesslich gibt es die freie Komposition, das Freistil-Kochen. Jeder Koch muss da seinen eigenen Stil finden,  so wie jeder        Parfümeur auch Kunstwerke schafft.

Stefan Wiesner hat in seinen zwei Büchern Gold, Holz, Stein (2003) und Avantgardistische Naturküche (2011) seine Ideen und Rezepte veröffentlicht. Sein Schaffen ist bereits auf internationale Aufmerksamkeit gestossen und er wird mit dem weltbesten Koch verglichen.          Er hat in Spanien einen Gastro-Wettbewerb bestritten und grosse Beachtung erfahren.

www.stefanwiesner.ch/www.hexer.ch

Dezember 2014

 


 

 

Zürich liest 2014

 

Nicht selbst liest Zürich, sondern die Stadt lässt da und dort vorlesen. Simultan, möglichst viele

Autorinnen und Autoren gleichzeitig an einem Wochenende und Donnerstag und Freitag dazu.

Das wirkt so, als müsste eine unangenehme Pflicht hinter sich gebracht werden. Das Vorlesen.

Seit dem Vorleser wüssten wir, dass Vorlesen nicht eine Pflichtübung, sondern ein eminent sinnliches

Ereignis sein könnte. OK, Ansätze dazu sind da: Es wird aus einem Sachbuch über das „Sehen in der

Kunst“ gelesen, es gibt „Weinprobe – Buchlese – Apero“. Als ich das Programm online betrachtete,

war dies die einzige Veranstaltung, die ausverkauft war.

Der Umschlag des Programmhefts zeigte letztes Jahr die Beine einer (zu einem Buchevent?)

rennenden Frau, die ein Buch fallen lässt. Möglicherweise ist es dieses Jahr dieselbe Frau. Sie hält

ein Buch auf Armlänge, also auf Distanz (bräuchte sie eine Brille?). Sonst ist es eine elegant angezogene

junge Frau, von welcher der halbe Kopf abgeschnitten ist (nicht wörtlich wie im IS-„Gottesstaat“).

sondern fotografisch. Die Rolle von Maskottchen oder Werbeschmuck sind die Frauen schon ziemlich

leid, es sind ja denn auch nicht die Frauen, die zum Lesen aufge-muntert werden müssten, sondern

eher die Männer. 2011 sahen wir einen Mann auf dem Cover der Broschüre, interessanterweise mit

Schirmmütze in einem Lokal, das die Kronenhalle hätte sein können.

Viel Kinderprogramm, zu viel Literatur, die sich mit religiösen Themen befasst oder in Kirchen stattfindet

(Bichsel, was hast du dir eigentlich gedacht? „Der Herr ist mein Trotz“?). In der katholischen Kirche Bruder

Klaus wird zu eben dieser Legende aus einem neuen Buch vorgelesen, dann sollen „biblische Bücher“ (?)

neu entdeckt werden, christliche Lyrik und „Klassiker in Sachen Religion“ suchen verzweifelt Lesende/

Zuhörende. Uebrigens wird bei all diesen Events „ein kleiner Apero“ serviert, nicht gerade das Abendmahl!

Es ist ja auch die katholische Kirche, die diese Events organisierte.

Sodann zu viel Krimi, zu viel Tram, zu viel Verlagswerbung und Verteilung von „Dichterlorbeeren“:

von sechs Autoren, die als „Dichter“ bezeichnet werden, ist gerade mal einer Lyriker (Durs Grünbein).

Sonst ist die Lyrik die grosse Abwesende. (Poetry Slam und Jürg Halter können wir nicht dazu zählen.

Sein Beitrag „Wir fürchten das Ende der Musik“  würde sich besser auf den Literaturbetrieb in der

heutigen Form beziehen).

 

Oktober 2014

 


 

This blog entry takes part in the 2014 global Blog Action Day #Inequality
 
Poorrich  The Suleimans live in Geneva, Switzerland in summer because it is too hot in their country (Qatar).

In the old days they stayed in one of the luxurious hotels on lake Geneva, now they have bought a home there,

a villa with 35 rooms in a park at the lakeside. Mr Suleiman’s 4 wives have different wings and their own staff

(chauffeurs, cooks, cleaners, gardeners and nurses for the numerous children). The wealthy Suleimans engage

three sisters from the Philippines to do the hard work in and around the house. They complain about living

expenses in that posh region of Switzerland being very high, private schools as well. So the „salary“ they are

paying the girls is ridiculously low: CHF 150.-- per month, whereas the minimal wage for any unskilled worker

in the country would be at least CHF 3500.--. So Lula, Isabel and Cora cannot send any money home to their

poor family, in fact use it up for cigarettes and the cheapest clothes they can find at street markets in or around

Geneva. Going to a café is out of the question, because a coffee or a soda drink costs as much as their daily

salary. Isabel falls in love with Pépé, a young Frenchman. He invites her out from time to time, he can’t believe

she has to work 12 to 14 hours in the „chateau“. They can only meet on Sunday afternoons after 2pm when

she has 3 hours off work, her only break from work when she is allowed to leave the premises. All three girls

are frequently beaten by their mistresses, especially when these are nervous about forthcoming parties.

One Sunday Mr. Suleyman complains that he has seen Isabel sitting with a young man in a street café and

that he will not tolerate that in the future.  He is not particularly worried when one of the girls drowned in the

lake and only says her sisters will have to do Cora’s share of the work as well. 

16 October 2014






Das Café Welt


Die Welt ist ein Café, Kaffee bedeutet vielen alles, ohne geht’s nicht. 
Kaffee, Schokolade und Lektüre sind drei Luxusgüter, die sich gemein-
sam geniessen lassen. Es gibt Café-Haus-Literaten, das gibt ihnen 
eine Aura von Anrüchigkeit oder dann wird das von ihnen bewundernd 
gesagt. Ist ja auch wunderbar, wenn angeblich ganze Werke im Café 
entstehen sollen. Es gibt aber auch den Café-Politiker, die Café-Ge-
schäftsleute, die über das Mobilfon endlos quasseln und den anderen 
Kunden auf den Geist gehen, Künstler finden da ihre Inspiration, Beamte
oder Lehrerinnen feilen dort an ihren Konzepten weiter. Aber auch im
Wagon-Restaurant, ein mobiles Café, oder im Flugzeug lässt er sich 
trefflich schlürfen, eben der Kaffee—und dazu lesen! Der Siegeszug des 
Espressos ist universal. Italien gilt als die Wiege des gallenbitteren Macho-
Getränks, das Mini-Tässchen enthält nicht mehr als einen Fingerhut des 
pechschwarzen Gesöffs und kann in einem Zug geleert werden. Er ist 
das eigentliche Frühstück des Latin Lovers, ohne Zucker oder Milch bitte,
 keine Verwässerungen. Aber das Herzrasen! Das ist es ja gerade, es soll 
pochen, einmal sagt die Wissenschaft das ist gesund, ein andermal eben 
wieder nicht. Aber da gibt es noch anderes: Cappuccino (von Liebhabern 
auch „Cappuccio“ genannt) dann weiter Ristretto oder „Ristrettino“, eine 
Miniversion  des oben beschriebenen mini-Cafés. In spanisch sprechenden
 Ländern heisst das „cafesito“, bei uns in Bern oder Basel „es Gaffi“, sonst 
eine Schale, ein Käfeli, ein „Kaffee fertig“ (mit Hochprozentigem), in Wien 
ein K mit Schlagobers oder Wiener Kaffee; das Ritual gibt’s auch in Paris 
als Frühstück (mit einem Croissant), in Nordafrika liebevoll „Mocca“ 
genannt und in der Türkei den Kaffeesatz fast ohne Wasser, aus dem sich 
nur eine dunkle Zukunft lesen lässt. Ist es politisch korrekt, dass die ganze 
Welt „Arabica“ trinkt oder steht   dahinter ein terroristische Absicht? Auch 
in Deutschland ist man vom Kaffee-Ersatz weggekommen, aber Pulver-
kaffee (gefriergetrocknet, brrr!) ist immer noch salonfähig. In England gibt 
es trotz Tee-Dominanz heute fast gleich viel Kaffee und trotz anders lautenden 
Berichten muss niemand in London auf das aufbauende Koffein-Getränk 
verzichten. In den USA braucht es noch etwas länger, Kaffee sah lange Zeit 
aus wie Tee (decaf) und in Asien ist Tee der allgegenwärtige Kaffee-Ersatz. 
Wir aber haben mit der neusten italienischen Espresso-Maschine ein Stück 
Lebewelt nach Hause geholt, das Glas Wasser dazu ist gesund und ein 
italienisches Mini-Gebäck passend oder dann ein Stück Grand Cru-Schoko-
lade gefällig? Koffein im Energy-Drink aus der Dose? Nie im Leben! 

11.10.2014




3 Aperçus

Schuberts Traum (16./17. Mai 1818)
 

Die heute neu erschienene General-Karte von Amerika zeigt ein Land,
das so viel Platz hätte für meine Freunde und mich, der ich hier in Wien 
nicht glücklich bin. Ich  träume die Überfahrt, so wie ich schon in Berichten 
von Auswanderern gelesen habe. Ich komme in New York an, elend, übel, 
geschwächt und stolpere in Ellis Island an Land. Vier Ärzte untersuchen
die Ankommenden, die, wie ich, in zwanzig Meter langen Kolonnen auf 
die Musterung warten. Wenn doch mein lieber Vater mich hier sehen 
könnte. Mein Koffer ist schwer. Ein paar Bücher von J.F. Cooper sind 
darin. Dann wieder erscheint es mir, dass ich bei der „Konskription“ bin, 
schrecklich wäre es, in die Armee eingeteilt zu werden, und ich erwache 
schweissgebadet, es ist nichts, ich bin in Wien, ich arbeite am „deutschen 
Requiem“.

 
 

Mozarts letzte Komposition




   

Als Mozart in seinen letzten Tagen 1791 
schwer fieberte, gedachte er mit Dankbarkeit dem Umstand, dass er noch 
seine komische Oper „Cosi fan tutte“ und die „Zauberflöte“ fertig komponieren 
konnte. Dass aber seine Pläne für ein Konzert für Oboe und Streicher sich 
nicht mehr verwirklichen lassen würden, das war ihm nur zu deutlich.   

Das verlorene Gedicht


 

 

Am letzten Tag seines Lebens erkannte Goethe, dass er sein bestes 
Gedicht verloren hatte, ein wunderbares Licht-Gedicht, die Menschheit 
wäre in  Begeisterungsstürme ausgebrochen, hätte sie es zu sehen 
bekommen. Dagegen ist alles andere nichts!, seufzte er. Er erinnerte 
sich undeutlich, den Text in einer Schublade in einem Haus in Frankfurt 
zurückgelassen zu haben. Seine letzten Worte waren der Titel dieses
Gedichts: „Mehr Licht“. Und eben nicht „mehr nicht“, wie dieser emeritierte 
Professor  der Germanistik in Tübingen behauptet. 

10.10.2014



Es ist schon fast alles gesagt...     

Paradoxerweise müssen wir heute sagen, dass (fast) alles schon
gesagt oder geschrieben ist und dass nicht Neues mehr unter der 
Sonne zu erwarten ist. Aber vielleicht am Schatten? Die Schatten-
seiten des Lebens wurden traditionell weniger beachtet und da 
gibt es noch das eine oder andere zu entdecken, weil der Mensch
ja so konsequent alles schönredet, verdrängt, verleugnet, was nicht 
gefällig ist. Mit Baudelaire, Joyce und Jean Genet, um nur einige 
zu nennen, wurde der schöngeistige Trend in der Literatur etwas 
gestoppt, Hesse schaffte es, Gefälliges und Dunkles in genialer 
Weise zu verknüpfen. Henry Miller, Norman Mailer und William 
Burroughs haben sich dann konsequent den dunkleren Gefilden 
des Lebens in der (amerikanischen) Gesellschaft zugewandt, 
haben dabei viel Beachtung gefunden und waren erfolgreich im 
Schildern von Schattenseiten des Menschen. Henry James, Proust, 
Borges und Nabokov taten dies auch, verwendeten aber auf breiter 
Front aesthetische Mittel und machten damit ihre Texte vielseitiger 
und tiefer. Der Schlaumeier Beckett fand einen Trick, um die Frage 
nach Gut oder Böse zu umschiffen: Er plädierte für das Schreiben 
über nichts: Eine seiner Textsammlungen heisst Stories and Texts 
for Nothing,
 ein Roman The Unnamable und dieses Zitat aus 
„Watt“ (What?) fasst vieles zusammen: „Who may tell the tale of the 
old man?/weigh absence in a scale?/mete want with a span?/the 
sum assess of the world's woes?/nothingness in words enclose?
   
4.10.2014 



Javier Marias, Die sterblich Verliebten
2012   

Der Titel suggeriert sowohl Krimi als auch Liebesgeschichte, 
ist aber noch viel mehr. Der Autor, der am besten über Abgründe 
schreibt, hat hier vielleicht etwas zu lange gebraucht, um ins 
Thema einzusteigen: Tod eines geliebten Ehemanns, beobachtet 
von einer Unbekannten über Jahre und in seiner Rolle idealisiert. 
An seinem 50. Geburtstag wird Miguel von einem Randständigen 
auf einem Parkplatz erstochen, mit der unwahren Begründung, 
er habe seine Töchter in die Prostitution getrieben. 
Es wird dann lange theoretisiert über unentdeckte Verbrechen, 
hier hätte man auch vom „idealen Verbrechen“ sprechen können. 
Der Drahtzieher hat über zwei Mittelsmänner von langer Hand 
angezettelt, was ihm auch einen enormenVorteil bringen würde: 
Als bester Freund von Miguel begehrt er seine Frau Luisa und 
kann sie nur für sich gewinnen, indem er ihren über alles geliebten 
Gatten aus der Welt schafft. 
Eine Shakespearesche Tragödie wird in unsere Zeit versetzt, 
Macbeth wird wie schon im Roman „Mein Herz so weiss“ mehr- 
fach zitiert. Maria Dolz arbeitet in einem Verlag und hat ein 
zunächst flüchtiges Verhältnis mit Díaz-Varela, einem Frauen- 
held, bei dem sie manchmal Schäferstündchen verbrachte und 
in den sie etwas einseitig verliebt war. Er war der Organisator 
des Verbrechens, von dem Maria anlässlich eines Besuches 
bei ihm bruchstückhaft erfuhr, was dann eine Aussprache der 
beiden nach sich zog, in welcher Díaz-Varela alles gestand, 
aber die unerhörte Zusatzinformation lieferte, dass er seinen 
Freund und Rivalen auf seinen Wunsch ermorden liess, da er 
unheilbar krank war und seiner Familie die letzten Stadien 
seiner Krankheit nicht zeigen wollte. Die Phasen der Angst, 
welche die Erzählerin in der Gegenwart ihres Geliebten und 
Mörders erfährt, sind sehr präzise beschrieben und machen 
sie die frühere Witwe Luisa, jetzt mit dem Mörder ihres Gatten
verheiratet aufklären können über das ganze Komplott, den 
Mörder (ihren Ex-Geliebten) verraten können, fragt sich aber 
immer noch, ob ein Mensch so kaltblütig handeln, den Vorwand 
für seine Tat erfand oder eben nicht. Die Wahrheit werde nie
herausgefunden können. Eine ganz düstere Geschichte,
brilliant erzählt, mit literarischen Zitaten, z.B. von Balzacs 
Colonel Chabert
 und eben Macbeth

28.9.2014



Animal Farm 2.0    

Nein, dies ist keine Werbung für ein neues Computer-Game. 
Aber „Animal Farm“, die Orwellsche Satire, haben wir doch 
unser ganzes Leben mit uns herumgetragen. Und sind nie 
wirklich warm geworden damit. Neulich beim Rennen fiel mir 
ein, dass der Text ein ganz anderes Ende haben könnte, als
den, den wir da lesen. Die Tiere hatten ja ihre Farm übernom-
men, änderten den Namen „Animal Farm“ zu „Manor Farm“, 
Tiere imitierten Menschen und sie spielten mit mindestens 
einem Menschen Karten und einer betrügt dabei: Mensch oder 
Tier? Wir dürfen wetten, dass es Mr. Pilkington war, der ein 
falsches Ass spielte und erneut versuchte, die Tiere herein- 
zulegen. Ein möglicher Schluss für Animal Farm wäre doch 
gewesen, dass die Tiere den Spiess umdrehen und Menschen
in Käfighaltung züchten. Scary, aber die Gleichwertigkeit aller 
Lebewesen ist nicht so utopisch, wie gewisse Leute denken. 
Orwell hatte gerade den Horror des Holocausts zur Kenntnis 
genommen und die Angriffe Nazi-Deutschlands auf Grossbrit-
annien erlebt. Es waren da nicht Tiere, die Menschen in Käfig-
haltung hielten, sondern Menschen, die ihresgleichen wie Tiere 
behandelten. Tiere sind also in dieser Sicht „humaner“ als 
Menschen... Solange im Umkreis von meinem Wohnort noch
immer zwei Schweinefabriken daran erinnern, dass unser Tier-
schutzgesetz die Menschen vor „übertriebenen“ Schutzideen 
für die Tiere schützen soll, bleibe ich Mitglied des „Vereins 
gegen Tierfabriken“. Dort wird offensichtlich, dass seit 1945, 
als Animal Farm veröffentlicht wurde, in der Tierhaltung wohl 
einige Fortschritte, aber viel mehr Rückschritte gemacht wurden. 
Darum wurde ich Vegetarier und bleibe dabei. 

25.9.2014



Fremdfreuen

Das Adjektiv "fremd" wird in unserem Land vor allem in der Zusammensetzung
"fremdenfeindlich" verwendet. "Fremdschämen" war mir lange unbekannt, steht
aber im Duden und wurde in Oesterreich zum Wort des Jahres 2012 erkürt.
Kinder "fremdeln" in einem gewissen Alter, das verliert sich dann aber oder es
verstärkt sich noch. Fremdschämen ist etwas, das vielleicht Robert Walser noch 
praktizierte, viele jedoch kennen dieses Gefühl nicht einmal mehr für sich selbst. 
Scham ist weiträumig abhandengekommen, denken wir nur an Berlusconi, Blocher
oder Hayes (wer ist Hayes?). Sie haben wohl Scham durch Selbstismus oder
Schadenfreude ersetzt. Aber es scheint heute wieder so zarte Seelen zu geben,
die sich für andere schämen können. Ich fremdschäme mich für Politiker, welche
weder mit der eigenen noch mit Fremdsprachen umgehen können/wollen, für 
Sportler, die nicht verlieren können, für Freunde, welche immer wieder ins selbe
Fettnäpfchen treten. 
Es gibt "fremdgehen", aber nicht "fremdlieben". Es würde mich befremden, wenn 
sich jemand für mich fremdschämen würde. Das möchte ich wenn schon selber
erledigen.
Aber es gäbe ja auch das "Fremdfreuen". Als Wort ist es im Duden nicht vorhanden,
sondern als Tätigkeit, die auf Facebook als "liken" bezeichnet werden kann. Roger
Federer hat auf Twitter mehr als 2 Mio. Follower, die sich für ihn fremdfreuen, wenn
er gewinnt (Warum eigentlich nicht die Mehrheit unseres Vokes?).
Grösste Vor- und Fremdfreude ist für mich momentan die Erwartung einer Enkelin/ 
eines Enkels in wenigen Wochen. 

22.9.2014




Liebesscherzen 
W. Genazino, Bei Regen im Saal 2014

Das zweitbeste Leben ("bei Regen im Saal") Reinhards wird hier beschrieben, 
mit doch einigen Einblicken in ein glücklicheres Dasein. Der gescheiterte Mitt-
vierziger, promoviert, aber ohne richtige Karriere, angelt sich mit Gelegenheits-
jobs durch seine Existenz: Barkeeper, Rezeptionist, Redakteur einer Provinz-
zeitung--ein Job, dessen er sich permanent schämt. Auch Fremdschämen ist ein
Hobby Reinhards, aber zunächst schämt er sich über seine Eltern, seine Ge-
schwister und sich selbst. Er lebt als ein bisschen heruntergekommener und
frühzeitig alternder Beobachter der urbanen Umgebung. Die Verwahrlosung
ist an seinen Kleidern und Möbeln sichtbar. Als "Verhaltensforscher" (ohne dies 
studiert zu haben), beobachtet, registriert und analysiert er das menschliche und
tierische Verhalten.
Fast als Witz hat er sich die Berufsbezeichnung "Ueberwinder" zugelegt, ver-
wendet die Technik aber vor allem für seine eigenen Probleme: den Grossstadt-
blues, die Frustration über seine unterdurchschnittliche Karriere als Doktor der
Philosophie, Langeweile, sexuelle Nöte, braucht sie aber nicht für seine (herzliche) 
Beziehung zu Sonja, in seinem Leben die einzige Bereicherung.
Das "Liebesscherzen" mit Sonja ist erfolgreich, sie ist eine offene und spontane 
Lebenspartnerin. Dabei verpasst er aber, um ihre Hand anzuhalten. Diese verlässt 
ihn plötzlich für einen anderen, heiratet diesen und bezeichnet das bald als den 
grössten Fehler ihres Lebens. Sie kehrt reumütig zu ihm zurück, und--so zeigt 
es der Schluss: bleibt bei ihm. Die Ueberwindung des Rivalen geschieht spielend 
leicht, das "Liebesscherzen" mit Sonja geht weiter, wie wenn nichts gewesen wäre.
Scheinbar mühelos erfindet der Autor Beschreibungen der städtischen Fauna und
Beispiele anthroposophischen Verhaltens, das lebenswichtige Ambiente des
Genazinoschen Antihelden, der täglich neu das Staunen über das Vorgefundene
artikulieren kann und erst noch mehr oder weniger gescheit darüber zu philosoph-
ieren weiss.

18.9.2014



 
Abgründe, wohin das Auge blickt


Bei der Lektüre des grossartigen Romans von Javier Marias So weiss
mein Herz 
(1992) wird einem so richtig bewusst, dass selbst engste 
Familienbande nicht vor Abgründen schützen, sondern von solchen 
geradezu umgeben sind. Ehepartner, Geschwister, Eltern, Kinder,
Freundschaften und Geschäftspartner--alle menschlichen Beziehungen
bewegen sich auf dünnem Eis: Eifersucht, Verrat, Neid und Betrug sind
überall möglich und zersetzen die familiären und sozialen Bindungen,
machen uns skeptisch über die Möglichkeiten, die dem Menschen 
bleiben, vor den Abgründen selbst das Allerliebste zu retten. Wie
darüber (nicht) sprechen, darum geht es Javier Marias unter anderem,
die Schwierigkeiten der Kommunikation und der Körpersprache sind
meisterhaft beschrieben. Wie weiterleben nach grässlichen Enthüllungen
wie die von Ranz, Mörder seiner ersten und zweiten Frau und nach 
eigenen Aussagen erst mit seiner dritten Frau "glücklich". Wie der Sohn
darunter leidet und was dies in seinem Leben anrichtet--im Roman 
hervorragend dargestellt. 
Eigene Erfahrungen würden sich hier anbieten, aber ich mag über die
selbst erlebten Schaurigkeiten nicht schreiben, auch nicht reden. Zu nah
geht einem dies alles, zu tief sind die Verletzungen und Enttäuschungen.
Die Politiker sind Meister im Tanz über dem Abgrund. Putin hat sich als 
abgründiger erwiesen als wir gedacht hatten, der syrische Despot hat 
sich als entsetzlicher Menschenverächter entpuppt, jedes Schicksal der 
nach Europa kommenden Bootsflüchtlinge ist ein einziger Abgrund.

14.9.2014




Verlieren ist das neue Gewinnen       

Ich schreibe sonst prinzipiell nicht über Sportliches, weil ich mich nicht 
gerne über Grossverdiener auslasse: Tennis- oder Fussballmillionäre 
sind für mich so was von uninteressant. Seit ich immer daran denken 
muss, dass elf Millionäre da auf dem Rasen von Real Madrid herumtanzen 
ist für mich Schluss mit Profisport--das muss ich doch nicht am Fernseher 
mitverfolgen! Breitensport interessiert mich schon mehr. Dauersieger 
haben etwas Uebermenschliches an sich, aber in jeder Sportart gibt es 
nur wenige, die dafür in Frage kommen. Verlieren sie doch mal, können 
sie des Mitgefühls fast der ganzen Sportwelt gewiss sein, Schadenfreude 
ist aber eine andere Möglichkeit in unserer Neidkultur. Neu: Auch Roger F. 
und Novak D. können es oder setzen es als Karriereverlängerer ein: das 
Verlieren. Da ist Scheitern und Comeback ideal verknüpft, wahrscheinlich 
auch miteinander abgesprochen und die beiden könnten sich fast beliebig 
abwechseln. Roger Federer und Raphael Nadal waren schon auf dem 
absteigenden Ast, als sie sich nochmals aufrappelten und heute bereits 
wieder wacker weiter bällelen. OK Nadal leidet an einer Handverletzung. 
Irgendwann ist es auch für „Tennis-Götter“ Zeit abzutreten. Aber vorher 
wird es noch lange Jahre Rückzugsgefechte und Comebacks geben für 
jeden, der da mal ganz vorne mitmischte oder längere Zeit am Drücker
war. 
Cristiano Ronaldo ist auch so ein gut betuchter Superstar. Er musste an 
der WM ganz unten durch. Seine Tränen handelten ihm von enttäuschten 
Fans die Bezeichnungen Weichei oder Feigling ein.  Der Fall der Golf-
Legende Tiger Woods liegt schon etwas weiter zurück, ein Comeback 
scheint da kaum noch wahrscheinlich. Niemand kann immer gewinnen.

 

11.8.2014