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 Blogparade

NESTPUTZER TEXTBLOG

 


 

Blog 2015 I

 


 

Damenfussball

 

Bewusst nenne ich den doch schon seit einiger Zeit

praktizierten Sport so, nicht etwa, weil er „dämlich“

wäre—auch Herrenfussball ist nicht „herrlich“—sondern

aus Achtung vor der fast unmöglichen Aufgabe, in

diesem (un)sportlichen Bereich zu ähnlicher Medien-

aufmerksamkeit zu gelangen wie Männer. Vergleich-

bar (aber jeder Vergleich hinkt) ist das mit der herkul-

aneischen Arbeit, Männersynchronschwimmen populär

zu machen.

Wir haben beobachtet, dass Frauen sich seit einiger

Zeit mehr für Fussball und auch Eishockey interessieren.

Vielleicht nur darum, weil dort „echte Kerle“ am Werk

sind? Wie würde die Umkehrmotivation für Männer

lauten?

Die Schweizer Damen-Fussball-Nati macht es an der

WM ähnlich wie die Männer, verliert das Startspiel,

gewinnt dann aber haushoch mit 10:1 Toren gegen

eine wohl schwache Frauschaft Ecuadors.

Zum grossen FIFA-Skandal mag man schon gar nichts

mehr schreiben, er erschwert es den Frauen aber

vielleicht, genügend Geld für den neuen Breitensport

Frauenfussball zu erhalten. Fussballer-Hirne ticken sehr

konservativ—Gleichberechtigung oder Emanzipations-

gedanken finden da kaum Platz.

Schiedsrichterinnen verdienen noch einen Gedanken:

Man stellt sich das hübsch vor, wenn sie farbige Karten

zücken, rot, gelb und vielleicht noch lila für einen be-

sonders gelungenen Spielzug, aus vollen Backen in

die Trillerpfeife blasen und die Stirn in Falten ziehen,

wenn etwas nicht regelkonform abläuft!

Meine Prognose: wenn die Schweizer Damen so weiter

kicken, werden sie Vize-Weltmeister, da können die

Herren nur davon träumen.

 

13.6.2015

 


 

 

Bio? Logo!

 

„Ich esse nur noch Bio!“, verkündete der Gatte

Helmut eines Tages, „und  Fleisch lasse ich auch

gleich ganz bleiben!“ Damit stiegen zwar die Aus-

gaben für Nahrungsmittel im Haushaltsetat der

Müllers, aber nur um 10%. Das nicht gekaufte

Fleisch kompensierte dies aber gleich wieder.

Der Markt regiert, Bio boomt noch immer, es ist

ein Supertrend geworden. Der traditionelle Bauer

reibt sich in der Zwischenzeit die Augen, sein

grüner Bio-Bauer Nachbar kennt keine Absatz-

schwierigkeiten, sein Hof sieht viel natürlicher

und appetitlicher aus und er bekommt mehr

Subventionen und höhere Preise für seine Pro-

dukte.

2014 hat es ca. 6000 Biobauern in der Schweiz,

der Anteil der Bio-Landwirtschaft beträgt 12,5%,

Umsatz von CHF 2 Mia., die Wachstumsrate ist

bei 7,1%. Kennen wir eine Branche, die ähnlich

wächst? OK, das Car-Sharing übertrifft das noch.

Was die Idee betrifft, dass in Bio eventuell nicht

Bio drin sein könnte, das ist der Versuch von

traditionell Produzierenden, den Bio-Boom zu

verunglimpfen, wenn man ihn schon nicht ver-

hindern kann.

Bio extrem: Der benachbarte Bio-Bauer liefert

Eier von Hühnern, die den ganzen Tag Frisch-

luft atmen, Kartoffeln, die noch nach solchen

duften, Käse von eigenen Tieren, die auf der

grünen Wiese herumtollen. Oder Selbstge-

suchtes: Löwenzahnsalat im Frühjahr, Früchte

im Sommer, Nüsse im Herbst.

Niemand muss, aber immer mehr wollen das

Gesündere essen. Es gibt bereits eine ganze

Reihe feiner Bio-Weine, auch die ein Hochge-

nuss! Prosit Bio!

 

11.6.2015

 


 

Alphorn-Jazz

 

Das Alphorn ist kein Kuhhorn, aber es ahmt

der Kühe Muhen nach. Schon oft beim sinnierend

Wandern von den rauhen Klängen--sind es drei

oder fünf Klänge, die das Ding hergibt?—aufge-

schreckt. Aus Holz oder heute aus Plastik erschallt

der Klang. Früher Ausdruck der Freude und Sonn-

tagsbeschäftigung für Aelpler, ist es heute gern

gesehen bei Veranstaltungen einer gewissen Partei,

deren Mitglieder meinen, das Anziehen einer ge-

wissen blauen Kutte, das Hosenlupfen, Jodeln und

Taler schwingen könne die Schweiz vor der Zu-

wanderung retten. Oder Zustände in der Schweiz

wie vor Morgarten oder noch früher wiederherstellen.

Alphornkurse boomen, die akustische Eindeckung

der Einwohner dieses Landes mit Folk-Musik ist

aber gottseidank noch nicht flächendeckend geplant...

Letzthin haben wir Eliane Burki erneut ihre beiden

Hörner spielen gehört, es ist unglaublich, sie jazzt,

sie rockt, sie swingt. Ihre neuste Platte ist 2013

erschienen, einfach kaufen und staunen, was

diese Musikerin drauf hat. Sie nimmt es mit ganzen

Orchestern auf, sie spielt auf der ganzen Welt,

nicht als Heidi-Ersatz, sondern als eine Künstlerin,

die ihren ganz eigenen Weg geht. Natürlich auch

auf Youtube zu finden.

Die Schweizer Volksmusik ist sonst ja irgendwo

im 18. oder 19. Jahrhundert stehen geblieben.

Es ist für mich unverständlich, dass sie sich kaum

weiterentwickelt hat, sondern weiterhin dieses Alpen-

gedüdel von sich gibt, das Bayern, Tyrol und die

Schweiz irgendwie ähnlich entwickelt haben, also

zusammen fast eine europäische Musikrichtung

ausmachen. In meiner Jugend dachte ich, diese

Bauernkultur würde irgendwann sanft verschwinden.

Im Gegenteil, sie boomt, sogar Junge spielen dieses

Zeug, jodeln um die Wette.

 

5.5.2015

 


 

Arno Schmidt

 

Nein, nicht der ehemalige Kanzler der BRD ist gemeint,

sondern tatsächlich der beste Autor deutscher Sprache

im 20. Jahrhundert. Nie gehört? Kann schon sein. Der

Sprachfanatiker hat Poe übersetzt, Joyce studiert und

daneben die deutsche Literatur etwas un-professoral,

sehr eigenwillig durchforstet. Das 1970 erschienene

Hauptwerk—Zettels Traum—erschien dreispaltig im

A 3-Format und ist eine ähnliche Herausforderung wie

Joyces Ulysses oder Finnegans Wake. Er schreibt damit

den grössten Roman der deutschen Literatur des 20.

Jahrhunderts, nur blieb der natürlich den meisten

Lesern ein verschlossenes Buch: Format, Textmenge,

literarische Bezüge und Schwierigkeitsgrad: alles

ist riesig. Damit wollte Schmidt endlich die Anerkenn-

ung erzwingen, die ihm zustehen würde: die des

genialsten Autors deutscher Sprache.

Am Anfand des ersten Weltkriegs geboren, wurde

auch der Zweite Weltkrieg für ihn zu einem Hindernis.

Seit 1947 schrieb Schmidt, der zuerst kaufmännischer

Angestellter und Radiosprecher war, buchstäblich

„um sein Leben“. Er hatte die Idee, verlorene Kriegs-

jahre durch eine herkulische Produktion nachzuholen

und damit der „sprach- und bildmächtigste, innovativ-

ste, provokativste und zugleich humorvollste Autor

der bundesrepublikanischen Nachkriegszeit“ zu werden.

Die meisten seiner frühen Texte bestechen durch

die schmidtsche Sprache, die eine eigene wurde,

Schmidt hat von Duden weg einige Aspekte der

Rechtschreibung modernisiert, z.B. oft 1 für „ein",

& für „und“, den Schrägstrich/Slash und Kursivschrift

als Strukturmittel verwendet. Er hat auch lautmaler-

ische Neuschreibungen und Dialektausdrücke

vorgeschlagen und damit Spracherscheinungen kreiert,

wie sie erst seit Computer- und SMS-Zeiten üblich

geworden sind. „Ach kucktma!“ – „ErschmexDu die

‚sogenannte DDR’?“ –„was dengsDe, was Die sich so

langweiln?“ Kein Autor hat für Monderscheinungen

mehr Metaphern geschaffen als eben Arno Schmidt.

Ein Autor (nicht nur) für Autoren, dessen einziger

Makel vielleicht die nicht immer korrekte Gedanken-

führung und Ausdrucksweise für Belange des

weiblichen Geschlechts war.

 

 22.5.2015

 


 

Der Ausschaffer

(ein Berufsprofil)

 

Die im Titel erwähnte halbamtliche Berufsbezeichnung erinnert

vielleicht an die unselige Schweizer TV- Serie "Der Bestatter".

Dies ist nur entfernt zutreffend, aber Absicht. Der beschäftigt

sich mit Toten, ich arbeite mit noch Lebenden--wenn klar ist, was

ich meine. Gemeinsam ist uns, dass wir uns mit unerwünschten

Lebenserscheinungen herumschlagen müssen. Mein Onkel,

der mit diese gut bezahlte Stelle als Ausschaffer verschafft hat,

sagt immer: "Die Polizei bekämpft den inneren Schweinhund

und der Ausschaffer den äusseren". Mir hat schon immer

gefallen, dass in dieser Berufsbezeichnung die Wortwurzel

"schaffen" vorkommt. Also eine Arbeit, wo noch echt etwas

oder jemand erledigt wird!

Mein Werdegang führte über diverse Kampfsportarten dann

schliesslich zum Kickboxen, in dem ich Schweizer Meister

wurde. Der hohe Ehrenkodex dieses Sportes verbietet  die

Anwendung der Kampftechniken ausserhalb des Wettkampf-

rings und daran halte ich mich. Wenn bei der Ausübung

meines Auftrags aber so ein fremder Fötzel aufmüpfig wird,

dann ist es für mich ein Leichtes, ihn ruhig zu stellen.

Übrigens hatten und haben wir jede Menge Weiterbildung:

psychologische Kurse und solche über Kommunikation,

auch in Englisch, obwohl das nicht viele Auszuschaffende

beherrschen. Die Gewaltausübung ist aber nicht unverzicht-

bar, ich ziehe sie dem Psychologen-Wischiwaschi vor. Ich

bin wie die auch die Partei meines Onkels dafür, dass

Subjekte, die sich etwas zuschulden kommen lassen, sofort

ausgeschafft werden.

Mein Kunde hier hat versucht, Sozialhilfe zu erschleichen für

einen angeblichen Zwillingsbruder, der gar nicht existiert.

Er sitzt nun hier neben mir im Flug nach Ouagadougou oder

wie das heisst.

14.5.2015

 


 

 

Laura und Harald

Fragment

                                                              "Der Mensch ist einer, der etwas stattdessen tut."                                 

                                                              (Odo Marquard)

 

Laura M. fällt überall auf, wo sie sich aufhält, ihre grünen Augen,

goldblonden Haare und ihre stolze Haltung ziehen immer alle

Blicke auf sich. Sie war stets Klassenbeste, lernte ständig oder nie,

d.h. sie saugte Wissen in der Schule richtiggehend auf, inter-

essierte sich schon als Teenager für die Emanzipation und ...

Harald W. war von klein auf erzogen worden, ein guter Junge

zu sein. Dies gelang ihm meistens, und falls nicht, setzte es eine

Strafe ab. Das Register von Strafen seiner Eltern war fast unbegrenzt,

so schien es. Nahrungs-, Taschengeld-, Medien- und Liebesentzug

waren die häufigsten, aber es gab da auch noch Zwangsarbeit im

Haushalt, Einsperren im Haus, Museums- und Konzertbesuche,

jawohl, auch das wurde von Petra und Wolf als sinnvoll angesehen.

Daneben noch Aufsätze schreiben, Gedichte auswendig lernen und

sinnloses Abzeichnen von alten Radierungen.

Dass Harald dadurch in der Schule immer besser wurde, war ein

für die Eltern angenehmer Nebeneffekt. Sie wurden dadurch in

ihrer Strafzumessung noch angespornt. Es gab auch Tage, da hatte

Harald mehrere Strafen abzuarbeiten. Einmal musste er hundert Mal

schreiben: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“

Dieser Satz liess ihn nicht mehr los, er studierte Kommunikations-

wissenschaften, wurde Spezialist in der Entscheidungsfindung, gab

Kurse in dieser Disziplin, beriet Lehrende, Politikerinnen, Aerzte und

Wissenschafter. Er hatte Techniken erfunden, wie das „Bauchgefühl“

zu trainieren sei, gruppierte Wissensbereiche und Lebenssituationen,

in denen Entscheidungen gefragt waren und gab Tips für fast alle

Lebenslagen. Er nannte sich „Consultant“, weil dies besser verstanden

wurde als „Berater in Lebensfragen“. Er trainierte selber die Kunst

der richtigen Entscheidung, die Kunst Recht zu behalten (bei

Schopenhauer), die Argumentationskunst und die Techniken des

Flirtens...

 

8.5.2015

 


 

Die Zukunft des Buches: digital oder bibliophil

 

Ein amerikanischer IT-Freak, Jaron Lanier, hat in seinem

Buch Who Owns the Future (2014) ein düsteres Bild der

Zukunft unserer Zivilisation gemalt: Fast alle Berufe können

von IT-Technologien ausgehölt oder total überflüssig gemacht

werden. Silicon Valley Start-Ups haben es in den letzten

20 Jahren geschafft, marktbeherrschend Gratisdienstleist-

ungen anzubieten, „Sirenen-Server“ zu werden. Das grosse

Geld wird nur noch durch den Verkauf von Informationen

über potentielle Kunden gemacht und über Werbeeinnahmen.

Plötzlich erreichen sie einen Punkt, wo eine menschliche

Berufstätigkeit, ein ganzer Berufsstand obsolet werden.

Amazon hat bereits im Buchhandel eine globale markt-

beherrschende Position aufgbaut, Google hat schon enorm

viele Bücher gescannt und in Zukunft lesen wir wohl fast

alle(s) on-line, wenn überhaupt.

Lanier sieht die Möglichkeit kommen, dass on-line Bücher

mit Apps, Games, Virtual Reality und Bild/Film verschmelz-

en. Zuerst wird der Autor überflüssig, auch Kollektive

können Texte liefern, solche werden  über künstliche

Intelligenz geschaffen werden, Computer können Text-

produktion und Uebersetzungen liefern und diese Prozesse

verbergen/unterschlagen den Namen des Autors.

Es braucht keine Buchläden, keine Autoren, keine Rezen-

senten und kein Copyright mehr, alles ist computerge-

steuert. Bücher/Texte werden immer billiger, die Werbung

dafür noch notwendiger, die Kanäle zur Erreichung der

potentiellen Lesenden immer wichtiger und die Qualität

sinkt natürlich.

Als mögliches Geschäft gäbe es dann nur noch spezielle,

sehr teure Ausgaben für Reiche, Events und Lesungen

würden die berühmten Schreibenden noch über Wasser

halten.

 

1.5.2015

 


 

Entscheidungen können sucken

 

Täglich und eigentlich fast ständig müssen wir

Entscheide fällen. Am Morgen: Aufstehen oder

liegen bleiben? Tee, heisse Schokolade oder Kaffee?

Essen oder fasten? Gesund oder nicht ganz so

Zuträgliches essen?  Baden oder duschen?

Wie ich mich am Morgen kleide, das ist intuitiv

längst entschieden, da kommt dann jede alter-

native Ansicht doch zur Unzeit, wird meist abge-

blockt.

Geringelte Socken oder Uni-Socken? Oder so

genannte Lottersocken, die aber viel besser für

die Blutzirkulation sind. Die Farbe muss abge-

stimmt sein zum Oberhemd, dieses mit der Hose,

Gürtel und Schuhe gleich Farbe, also was nun?

Da haben es die „Blackies“ leicht: Alles ist schwarz!

Früher gab es viel weniger Auswahl, die Menschen

hatten ein Werktags- und ein Sonntagsgewand und

somit war immer klar, was anzuziehen war.

Den Tag ruhig angehen oder so viel als möglich

hineinpacken? Zug oder Auto fahren? OK, das ist

für grün Angehauchte eine einfache Sache!

Für Autofreaks sowieso.

Schon früh müssen wir uns so oder so, bewusst

oder unbewusst verhalten, faul oder fleissig sein,

Musik, Kunst, Literatur auswählen.

Freund oder Feind? Diese Entscheidung lernen

schon Kleinkinder, sie gehört zu den ältesten

Verhaltensmustern, geht schon in vorsprachliche

Zeiten zurück.

Manager tun den ganzen Tag nichts anderes,

Entscheide treffen ist ihr Beruf. Das „Bauchgefühl“

richtet vieles, lernen können wir es nicht. Gut

bezahlt ist diese Arbeit, aber eben nur, wenn

sie professionell betrieben wird.

Sogar die Pop-Musik hat die Verhaltensforschung

für sich entdeckt, z. B. im Titel Should I Stay or

Should I Go?

Die Hirnforschung hat herausgefunden, dass

Entscheide meist gefühlsmässig getroffen werden,

der Intellekt leistet höchstens Vorarbeit.

Hormone, z. B. Dopamin, spielen eine wichtige

Rolle und  belohnen uns für konservative Entscheide,

wo wir eher Vertrautes Neuem vorziehen.

 

28.4.2015

 


 

Lehrberuf: Image-Totalschaden

 

Es ist schon so, die Nachfolge Pestalozzis wird immer

schwieriger. Das Ausleben einer Berufung, nicht eines

Berufes, setzt ein ganz anderes Engagement voraus

als ein Bürojob. Professionalität ist in diesem Beruf

nicht mehr zu erreichen mit Kurrikulum abspulen,

Lehrpläne erfüllen und Gehorsam gegenüber Vorge-

setzten.

Die Umstände sind natürlich sehr unterschiedlich:

Klassenstufe, Klassengrösse, Alter der zu Schulen-

den, soziales Umfeld. Gemeinsam ist aber Lehr –

und Lernsettings von Kindergarten bis Universität

die Marginalisierung des Einflusses von Lehrveran-

staltungen, die Aufmerksamkeitsdefizite der Lern-

enden (und Lehrenden), die Ubiquität der Medien

und Kommunikationsmittel.

Greifen wir ein Beispiel mit Konfliktpotential heraus:

Gewisse Schulen mit erhöhtem Autoritätsanspruch

verbieten glattweg den Gebrauch von Mobiltelefonen

im Unterricht, sammeln die Handys vor der Schul-

stunde ein, andere suchen noch immer nach einer

Lösung. In der Praxis habe ich Versuche mit einer

„Handy-Garage“,  ein „Handy-Aquarium“ (ohne

Wasser:-)  oder einen „Handy-Zoo“ gesehen, wo

Lernende ihr Spielgerät freiwillig vor Schulbeginn

deponieren und es in der Pause wieder beziehen

können.

Es ist allen bekannt: Nur das Vorbild bildet direkt.

Ja, wie kommt denn ein Handy-Verbot bei den zu

Schulenden herüber, wenn die Lehrperson bei jeder

Gelegenheit ihr eigenes Gerät benützt und also auch

nicht ohne es auskommen kann? Und gewisse Lehr-

kräfte kommunizieren mit ihren Schäfchen auch in

der Freizeit damit, beklagen sich dann aber, dass

sie unsinnige Anfragen und unnötige Umtriebe haben.

Über Modeknigge mag man hier nicht schon wieder

schreiben, aber „shabby-chic“ ist ein Megatrend, der

uns noch für einige Zeit beschäftigen wird. Und Jeans

sind nun mal nicht totzukriegen, Lernende und

Lehrende sind sich auch hier einig.

Ueber Lehrkräfte wird nur negativ berichtet (Ferien-

techniker, Grenzen überschreitend) oder gar nicht.

Die Medien berichten sonst über alles, zu Lehrer-

innen/Lehrern fällt ihnen aber nichts ein.

 

18.4.2015

 


 

Wahltag war früher Zahltag

 

Was mache ich eigentlich hier?

Dies ist eine Frage, die wir uns vielleicht öfter stellen

sollten, die aber in Krisenmomenten manchmal auf-

taucht und Ratlosigkeit zurücklässt. Als Grüner der

ersten Stunde, der zwei Jahrzehnte für die Bewegung

gekämpft hat, aber dies nicht als Sesselkleber tun

wollte, sondern bereits nach zwei Jahren genug vom

Parlaments-BlaBla hatte, fühle ich mich heute doch

etwas ausgebrannt und mag mich nicht mehr mit

Argumenten und Positionen der bürgerlichen und

rechten Parteien befassen.

Der deprimierende Eintopf der populistischen Ver-

hetzerpartei wird wegen der Verblendung von

breiten Kreisen der Bevölkerung viel zu oft aufge-

tischt und diskutiert, braucht zu viel Platz in den

Medien, es gäbe viel wichtigere Probleme. Die Liste

der Volks-Parteivertreter, die Wasser predigen und

Wein trinken, ist arg lang. Einige wettern gegen die

Einwanderung, stellen aber selber gerne die billigeren

Zugewanderten ein. Sie beklagen Einkaufstourismus,

bedienen sich aber auch in Weil am Rhein, statt in

Basel. Mörgeli wurde es nicht müde, Linke als System-

Profiteure zu geisseln, seine Leistungen als Museums-

kustos an der Universität liessen aber arg zu wünschen

übrig, weil er eigentlich professionell Unsinn verbreitete

und wohl einen gut bezahlten SVP-Job ausführt.

Möchte-gern Landesvater Blocher betrieb Fabriken

im EU-Raum, lässt aber kein gutes Haar an diesem.

Diese Partei bezahlte einem jungen Parteihasen

(unter 20) ein Büro und einen Dienstwagen!

Die Lüge hat in der Politik das Sagen, viel zu lange

habe ich gebraucht, um das endlich klar zu sehen.

Jedes Mittel ist recht, um Ziele zu erreichen. Ziele,

die nur dem eigenen Ego dienen und mit Volkswohl

nicht im Entferntesten etwas zu tun haben.

Das dumpfe Volk aber, das auf solche plumpe Mach-

enschaften hereinfällt und so etwas bei den Wahlen

auch noch unterstützt, muss sich dann beileibe nicht

wundern, wenn Rückständigkeit nicht als Zukunfts-

modell funktionieren kann, sondern einen Abstieg

unseres Landes zur Folge hat.

 

12.4.2015

 


 

Japanische Gedichtformen

 

Wenn wir im Westen japanische Lyrikformen  übernehmen, so ist dies

sehr gut verständlich, bieten die Kurzformen doch die Möglichkeit, Natur-

erlebnis, Meditation und Poesie zu verbinden. Dies kann ein Glücksgefühl

auslösen, einen Spannungsmoment, der dann gelöst, eine Erfahrung, die

verdichtet wird, damit er in der Kürze der Gedichtform Platz findet.

Es gibt Millionen von Leuten, die Haikus schreiben, die meisten kennen

nur diese Form der japanischen Lyrik.

Das Tanka ist eine sehr alte japanische Textart, die fast tausend Jahre am

japanischen Kaiserhof von ca. 400 – 1250 und dann weiter bis 1573 und

bis heute neben anderen japanischen Lyrikformen gepflegt wurde/wird.

Die Haikuform ist eine Verkürzung der fünfzeiligen Tankastrophe auf drei 

Zeilen. Der Vollständigkeit halber kann erwähnt werden, dass es verein-

zelt auch noch kürzere Lyrikformen gab (oder gibt). Die unglaubliche

Popularität des Haiku erklärt sich leicht: Kürze, Naturbezug, Schicksal-

haftigkeit ist allen diesen Texten gemeinsam, die vorausgehende Meditation

ebenso. Dazu kommt die Frische des Ausdrucks, die einfache Sprache,

die Nähe zu philosophischen Fragestellungen und die Einfachheit der Form.

Das Tanka umfasst auch einige dieser Punkte, wurde aber nicht so oft ver-

wendet. Es ist das emblemartige Text-Bild-Verhältnis, das moderne Lyrik-

erinnen und Lyriker daran interessieren kann. Im weiteren sind die japan-

ischen Lyrikformen allesamt ohne Reim, was dem modernen Lyrikgefühl

im Westen heute besser entspricht. Die genau definierte Zahl der Silben

ist nicht Korsett, sondern führt geradezu zu überraschenden Prolemlös-

ungen und Kunststücken, die über die Enge der Form hinausweisen.

Alle japanischen Poesieformen bedienen sich einer genau definierten

Silbenzahl, immer ist ihre Zahl ungerade, es ist wie beim Blumen schenken

(3,5,7,17, 31 etc.).

Wenn wir zur Frage der Entstehung der Tankaform gehen, dann ist deren

Ursprung vielleicht noch in der vorschriftlichen Zeit zu finden. Es wird klar,

dass das Tanka ursprünglich aus zwei Atemzügen bestand, sodass die Vor-   

tragenden es in zwei Anläufen darbieten konnten. Es waren z.B. eine         

Frage und eine Antwort, ein Hin und Her, Ruf und Echo, sogar eine wört-

liche Wiederholung war (in so einem kurzen Text!) möglich.

Gemäss der Sage soll das erste Tanka vom Gott Susanoo geschrieben oder

inspiriert worden sein (712 AD). Wenn also damals der mündliche Vortrag

noch wichtiger war als die schriftliche Fixierung, dann wird deutlich, dass

der Fünfzeiler (Tanka) mit zweimal Luftholen bewältigt werden musste.

Rhythmus und klare Struktur halfen natürlich beim Rezitieren sehr.

Inwiefern die moderne Lyrik diesen alten japanischen Gepflogenheiten

folgen kann oder sich davon befreien will, ist den Schreibenden überlassen.

Dass sich die alte Form sehr gut mit modernen Inhalten füllen lässt, dies

beweisen viele Autoren in ihren Texten.

 

6.4.2015

 


 

Wahlen 2015

 

Unser politisches System bringt alle vier Jahren die Durch-

führung von nationalen und kantonalen Wahlen mit sich.

Schon gut, wir sehen es ja dann täglich, die Plakatwände

sind tapeziert mit grinsenden Zeitgenossinnen und Genossen,

die gerne ein Amt anstreben würden, einer Partei mehr

Listenstimmen, sich selbst Bestätigung verschaffen.

Neu ist, dass die Kandidierenden heutzutage auch die

Möglichkeit haben, auf sozialen Netzwerken ihre Präsenz

zu markieren und die Wählenden in einigen Gemeinden

(warum nicht in mehr?) elektronisch wählen können.

Was ist dieses Jahr anders als früher? Vielleicht noch

mehr Landschaften sind durch die Konterfeis von ge-

wissen Leuten einer gewissen Partei verschandelt.

Es genügt, den Kopf hinzuhalten, die Listennummer

zu positionieren und zu hoffen und zu bangen. Früher

waren noch wenigstens persönliche Statements gefragt,

heute geht es ganz ohne. Die Wählenden werden gross-

mehrheitlich im Ungewissen gelassen, wessen Namen  

sie da auf ihre Liste kritzeln würden. Ein Name, ein

Gesicht, mehr gibt’s da nicht.

Ein rechtes Fünferpaket, ein linkes Vierergespann,

die meisten Wählenden werden zu faul sein, die

besten Köpfe von beiden Lagern zu wählen...

Mich wundert es einfach, dass es immer noch Parteien

mit den Adjektiven „christlich“ oder „evangelisch“ gibt

oder was diese in der Politik zu suchen haben.

Meine Sympathie gehört der „Alternativen Liste“ und

den Parteilosen, da wissen wir wenigstens, woran wir

nicht sind.

Es gibt noch ein Phänomen, das in letzter Zeit die Wahl-

en nicht unmassgeblich beeinflusste: Prognosen von

Trendforschungsunternehmen scheinen total bürgerlich

orientiert zu sein. Mit ihren schlechten Auguren beein-

flussen sie die Wählerinnen und Wähler so zu wählen,

wie sie es eben gerne sähen. Erst letztes Jahr gab es

einen Skandal, weil die Prognosen extrem daneben

gelegen hatten. Eigentlich könnten wir auf solche Ver-

anstaltungen verzichten—viel wichtiger wäre es über

die zu Wählenden mehr zu erfahren.

 

4.4.2015

 


 

Musik hören oder taube Ohren?

 

Das Musikgeschäft macht schwierige Zeiten durch.

Wo früher Vinyls oder CDs gekauft wurden, ist heute

Download von iTunes die einfachste Bezugsquelle

geworden. Das sind drei Schritte, die nicht alle alle

mitmachten. Die Jungen fahren natürlich auf Gratis-

tauschbörsen ab, vielen kommt das Kaufen von Musik

(oder Videos) antiquiert vor. Dann war da noch MTV

eine wichtige Phase in der Musikrezeption: Musik und

Video in oft sehr kunstvoller Ausführung erfreuten

viele. Heute ist das durch YouTube ersetzt, auch

wieder free, und für die Musik Machenden ein Prob-

lem.

Die Vielzahl der Musikstile sorgte für unübersichtliche

Zustände. Früher gab es nur die Hitparade. Oder in

den Sechzigern die Wahl zwischen Beatles oder

Rolling Stones. Es gab aber schon damals viel mehr:

Elvis, Johnny Cash, the Byrds, the Doors, Queen,

Led Zeppelin uvam folgten bald nach und sorgten

für Vielfalt. Es gab Ska, Reggae, Blues, Jazz, Rock,

Pop, Country, Schlager, Hits und andere konvention-

elle Musikstile. SRF stellt auf zehn (!) verschiedenen

Kanälen heute verschiedene Musikstile vor.

Natürlich stellte sich den Hörern auch die Frage, ob

E-Musik oder U-Musik gehört werden soll. Beides ist

doch auch möglich. Klassische Musik bis 1900 erfreut

sich noch heute grosser Beliebtheit. Neue klassische

Musik hat’s aber unvergleichlich schwerer, ein breites

Publikum anzusprechen. Aufgabe: Nennen Sie drei

zeitgenössische Komponistinnen oder Komponist-

en in der Schweiz.

Was wir am liebsten hören ist heute ein Lifestyle-

merkmal. Es gibt zwei verschiedene Typen, solche,

die Oldies Millionen mal hören können und andere,

die darunter leiden und dafür auch offen für Neues

sind. OK ich oute folgende Präferenzen: Antony,

Lana und Fai. Nie gehört? Unglaubliches verpasst!

 

29.3.2015

 


 

Schreibpause, Blogstop

 

Wer professionell schreibt, kommt irgendwann zum Punkt,

wo man „ausgeschrieben“ ist. Was wie „Babypause“ tönt,

ist ein Zustand, den fast alle Schreibende wohl irgendwann

erleben. Jede Woche einen Blogtext zu schreiben, das

können Blogger jahrelang durchhalten. Wer das nicht im

Auftragsverhältnis und mit dem dadurch entstehenden

Druck tun muss, ist privilegiert. Das Phänomen ist bekannt,

so wie auch die „Schreibblockade“. Was tun, wenn es so

weit ist?

Nun, einfach mal wieder eine Rezeptionsphase zulassen.

Jenes Buch mit 1000 Seiten spontan mal krass durchlesen

und geniessen, aber natürlich nicht Terry Pratchett, den

Herrn der Ringe, den Hobbit oder Sonstiges, was den

Rahmen oder jedes Zeitbudget sprengt: Uwe Johnsons

Jahrestage, das wären dann fast 2000 Seiten, mehr noch

bei Prousts, Recherche du temps perdu und völlig ent-

mutigend etwa Balzacs wichtigste Werke.

Beim Besuch des Buchladens, den ich seit meiner Kindheit

kenne, und der sich nun definitiv einer schrecklichen Buch-

kette verkauft hat, wo Geschenk-, Bastel-, Ratgeber-

„literatur“, Bestseller und Kalender vorherrschen, habe ich

mit Schrecken festgestellt, dass das Autoren A – Z schmaler

ist als meine eigene Büchersammlung! Nur weil jemand die

gloriose Idee hatte, mir einen Büchergutschein zu schenken

—mir, der ich vielleicht noch dieses Jahr umziehen werde—

bin ich überhaupt dahin gegangen. Dabei habe ich viele

Dickbestseller gesehen. Wer etwas auf sich hält, und das

sind alle Autorinnen und Autoren, schreibt heute Wälzer

mit über 500 Seiten. Mit knapper Not fand ich zwei Autoren,

die mich interessieren: Haruki Murakami und sein Laufbuch

(ca 189 Seiten) und Das grösste Wunder (Seitenzahl mom-

entan nicht bekannt, da Buch gleich weitergegeben) neues

Werkeines führenden österreichischen Autors.

Die Schreib- oder Blogpause könnte auch zu vermehrtem

Kinobesuch verleiten, Konzerte mit neuer Musik zu besuchen

oder halt denn sich die Tagespresse ausführlich einzuverleiben.

Oder selber Sport treiben—aber vor dem Joggen das Auf-

wärmen nicht vergessen--ansonsten üble Konsequenzen

drohen.

 

25.3.2015

 


 

Wild Pacific Crest Trail: Reese Witherspoon

rambling on and on

 

Some people are „born to be wild“, others go through

personal traumas and then really start walking. In Europe

it’s the „Jacob’s Trail“ that millions of people walk on

to get a glimpse of their own self. For Cheryl Strayed

(the name tells the story), who actually walked the

1000 miles and wrote a book about it, this was reality.

Reese Witherspoon is doing a great job impersonating

the tough cookie who walked the Pacific Crest Trail

come rain come shine all the way. Breathtaking land-

scapes, memories of „Into the Wild“ come up, the

loneliness of a major hike and dropping out of society

at least for a certain time are common to both. Her

huge backpack looks like 50 kilos at the beginning and

only a week or two into the walk a guy at one of the

resorts weeds out unnecessary weight.

The film gets another perspective from the very

convincing flashbacks showing Cheryl’s former life.

The numerous encounters with mostly men along

the way bring life into the otherwise limited possi-

bilities of this special „road movie“.

Cheryl, just divorced from her husband and,

which seemed to grieve her more, the death from

cancer of her beautiful and courageous mother—

who she loved more than anybody—sets off on that

endless voyage across deserts, plains, mountains

and forests and the Pacific only sometimes in sight.

Nick Hornby wrote the screenplay for „Wild“, which

is a soliloquy of a woman who learnt to fend her way

through difficult times, including the use of drugs.

The film music rides unfortunately the midst of the

mainstream, Leonard Cohen, Bruce Springsteen and

at the end the unbearable „Bridge over troubled

Water“ show that the chance of a more sophisticated

soundtrack was definitely not realized. Perhaps

the last song should refer to the „Bridge of the Gods“

Cheryl Strayed walked over at the end of her „walk

for life“.

 

22 March 2015

 


 

Geschätzte Wutbürgerinnen und Wutbürger,

 

Bürger dieser Sorte sind fast immer männlich, mir ist nur

eine Wutbürgerin aus dem Zürcher 13er Tram bekannt,

die halblaut oder beim Aufflackern des Zorns lauthals die

andern Frauen im Tram beschimpft. Wie aber wird ein

unbescholtener Bürger zum Wutbürger? Woher kommt

der Volkszorn? Es genügen banale Verkehrsregeln, ein

bisschen Parkplatzschikane, Steuererhöhungen, Bussen

fürs zu schnell Fahren, Banken-Willkür, steigende Immi-

grationszahlen und schlechte Vorbilder (Haider, Le Pen,

Blocher, Mörgeli, Köppel, Fehr) und wie sie alle heissen.

Was, alle SVP? Ausser den beiden Erstgenannten. In ein-

em früheren Blog habe ich mit dieser Partei abgerechnet,

also hier nichts Weiteres, ausser die Bemerkung, dass

ein Land, das dieser Partei ein Drittel ihrer Stimmen gibt,

also fast mehrheitlich aus Wutbürgern besteht, bald ein-

mal unregierbar werden könnte. Volksverhetzung und

Wut auf Andersdenkende sind da eine Zugangsqualifi-

kation und Hauptbestandteil des Parteiprogramms.

Früher war die Wut/die schwellende Hirnarterie das

Vorrecht der Mächtigen. Die alten Eidgenossen waren

mehrheitlich Wütende oder Wüteriche, die aber ihren

gerechten (?) Zorn in (meist) siegreichen Kriegen und

in fremden Diensten abreagieren konnten. Heute ist das

Leserbriefe Schreiben eines der wenigen Ventile für

dieses Phänomen.

Ich gestehe, dass ich früher einen Tag im Jahr dieses

Gefühl auch verspürte, nämlich am Tag, an dem ich

die Steuererklärung ausfüllte. Ebenso ist mir das Leser-

briefschreiben nicht fremd. Wie kann die Wut aber

besiegt werden? Der Schreibende empfiehlt Musik,

Literatur und Langstreckenlauf als Therapiemöglichkeit-

en. Und Gelassenheit anstreben—dafür ist Zeit im Leben.

Wut ist blind, Wut schadet (Nerven) oder nützt den

Wütenden (Blitzableiter), kann nur mangelhaft thera-

piert werden. Wir alle könnten aber zum Kohlhaas

werden und ausrasten. Ganz schlimm hat es in der

Schweiz Tschanun (Zürich), Leibacher (Zug) und

Kneubühler (Biel) erwischt. Fast jedes Jahr gibt es

Amokläufe. Noch fassungsloser blickte die Welt 2011

nach Utøya—aber mal ehrlich, wer erinnert sich noch?

Anders Behring Breivik hat sein eigenes und das von

69 jungen Menschen zerstört. Wieder ein Mann!

Wenn wir es uns aber richtig überlegen, hätten Frauen

auch Gründe, die Wut rauszulassen, aber es ist nun

mal nicht ihre Art.

 

10.3.2015


 

Preishochinsel Schweiz

 

Man mag es nicht mehr hören, wir haben in Zürich neben New York, London und

Wien vielleicht die höchsten Lebenserhaltungskosten der Welt. In der EU herrscht

ein Preisniveau, das sich geschätzte 40 – 50% unter dem hier etablierten bewegt.

Darum reisen einige ja nach „drüben“ und raffen Billiges zusammen, so viel sie

können. Aldi und Lidl gibt’s ja auch hier, aber auch die freuen sich über die hiesige

Hochpreispolitik.

Nicht erst seit es den „harten Franken“ gibt, sehe ich Touristenfamilien auf einen

Drink in einer Gartenwirtschaft verzichten, oder dann eben Mitgebrachtes verzehren.

Selbst für uns „Eingeborene“ ist es nicht immer leicht, denn wirklich alles ist verteuert.

Denken wir nur an jemand, der kein Halbtax-Abo hat. Zürich – Bern 1. Klasse retour

CHF 88.— Eine Familie mit zwei Kindern: das rechnet sich (nicht)!  Die Mietzinsen

werden immer nur erhöht, noch nie habe ich erlebt, dass eine Zinssenkung an die

Mieter weitergegeben worden wäre.

Und unsere Regierung? Sie schläft den Schlaf der Ungerechten. 2006 – 2010 wurde

diskutiert und beschlossen, das Prinzip des freien Marktzugangs für EU-Produkte

auch in der Schweiz anzuwenden. Das „Cassis de Dijon-Prinzip“ sollte eine Preis-

senkung bringen. Genützt hat es aber nichts: Die EU-Produzenten sahnen auch

gerne ab, und wenn es nur in der kleinen Schweiz ist: Immobilien, Autos, Medi-

kamente, Ferien, das Gesundheitswesen, sogar Kaugummi: alles ist hier überteuert.

Ich werde den Verdacht nicht los, dass dieses astronomische Preisniveau bewusst

hochgehalten wird, damit da keiner einfach ins Land kommen zu können glaubt,

der nicht hierhin gehört. In Zürich soll jeder zehnte Haushalt einen Millionär auf-

weisen, das Ziel der kapitalistischen Wirtschaft ist aber nicht eine Million für jede

und jeden, sondern eine Vierklassengesellschaft, wo ein Prozent der Bevölkerung

um die 50% des Volksvermögens unter sich aufbewahrt. Dann die erwähnten

Millionäre, die Working Poor und die Arbeitslosen.

 

21.2.2015

 


 

Nie wieder SVP wählen!

 

Wie eine Krankheit hat sie unser Land fest im Griff,

die so genannte Schweiz. Volkspartei. Es ist Zeit, dass

sogar bei uns einigen die Augen aufgehen und die

Partei der Wutbürger, Polterer und Profiteure endlich

als das sehen, was sie ist: eine Ansammlung von alten

Herren und einigen unbedarften Frauen, die nicht

einmal merken, dass sie mit Frauenanliegen in der

falschen Partei sind oder keine solche zu haben vor-

geben. Da wo lange gar keine Frauen aktiv waren,

gibt es heute doch einige wenige, die sich brav vor

den SVP-Karren spannen lassen und deren ewig

gestrige Politik verkünden, wie wenn es sie nichts

anginge. Oder irgend ein fremdenfeindliches Süpp-

chen kochen, um sich zu „profilieren“. Oft selber

Zugewanderte.

Zwei begabte Volksredner und aus dem Bauch heraus

politisierende Parteichefs denken für die grosse Volks-

partei vor, und alle Mitglieder reden dann einfach

nach. Z.B. weiss die Parteiführung immer, dass und

wo gespart werden muss, dass vor allem bei ihnen

nicht genehmen Vorlagen gespart werden muss und

verhindern so beispielsweise mehr Umweltschutz,

den raschen Atomausstieg, votieren für den PV, sind

aber gegen den ÖV. Viel kurzsichtige Politik wird hier

im Parteiinteresse gepusht, Fortschrittliches verhindert.

Was leider aber meist übersehen wird, sind die enorm-

en Kosten, die ihre Anhänger in Ämtern dann selber

verursachen. Im Armee-/Rüstungsbereich schaltet und

waltet da ein Opportunist und Hetzer, der seinen Vor-

gänger Samuel Schmid mit Unterstützung des Ems-

Chemie-Patrons aus dem Amt gemobbt hat, und jetzt

selber keine unterscheidbar andere Armee-Politik

praktiziert. Vorher hatten wir noch Ogi!

Jetzt geht es um die Umsetzung der Einwanderungs-

Initiative. Es ist ja fürwahr keine „Wanderung“, kein

Spaziergang, welche die Immigrierenden hier erwartet!

Die Kosten für neu zu schaffende Bürokratie--von der

SVP sonst immer bekämpft--belaufen sich auf 400 Mio.

oder mehr, wahrscheinlich sowohl auf Seiten der Wirt-

schaft als auch auf Seiten der öffentlichen Hand etwa

je die Hälfte. Man stelle sich den Lärm vor, den diese

Partei dann veranstaltet hätte, wenn das eine linke

Idee gewesen wäre.

 

17.2.2015

 


 

Jagen und/oder Sammeln

 

Es ist allbekannt, die Jagd- und Sammeltriebe stammen aus

grauen Vorzeiten. Traditionsgemäss herrschte da bereits

eine strenge Rollenteilung. Frauen sammelten (Beeren,

Früchte, Brennholz), Männer jagten (Wildtiere und Frauen).

Im Umgang der beiden Geschlechter mit einander gibt es je

die beiden Typen: Sammlerinnen und Jäger. Das lag und liegt

in der Natur der Sache.

Nun habe ich neulich gelesen (im Gratisanzeiger oder in der

Sonntagszeitung?), dass junge erfolgreiche Geschäftsfrauen

vermehrt Lust auf die Jagd (nach Tieren) verspüren und Jagd-

und Schiesskurse belegen sollen. Diese Nachricht wurde nicht

kommentiert, wie sich das im guten Journalismus gehört und

eben gerade hier kommen die vielen Glossen und Kolumnen

Schreibenden zum Zug.

Warum um alles in der Welt wollen junge Managerinnen und

Abteilungsleiterinnen plötzlich partout auf die Pirsch gehen

und unschuldiges Leben töten?  Vielleicht sind sie im gehetzten

Berufsalltag (jede gegen jeden) selber gejagte? Man wundert

sich. Sie, die sonst Leben gebären , hegen und pflegen, wollen

nun plötzlich auch solches abknallen dürfen? IGitt!

Es verletzt die Einheit der Materie nicht, wenn ich hier zur

Jagd noch ein weiteres Häppchen Ärger loswerden will.

Auf dem Hügelzug, an dem ich wohne, gibt es noch etwas 

Restwald und es mögen noch ein knappes halbes Dutzend

Rehe die jahrhundertelange Jagd überlebt haben.

Es gibt nun aber am Waldrand und auf den Lichtungen fast

alle zehn Meter Jägerhoch- oder Tiefsitze, manche getarnt

mit Militärzeug. Aber nie hockt da eine oder einer, oder es

hat ganz einfach überhaupt keine Tierchen mehr, auf die

geballert werden könnte...

In diesem Falle gäbe es noch Übungsmöglichkeiten für das

Erlegen von Tieren in Tierparks oder Schlachthöfen, wo junge

Jägermeisterinnen ihren Killerinstinkt schärfen könnten!

 

15.2.2015

 


 

Teaching the Swedes how to dance the flamenco

 

En duva satt på en gren och funderade på tillvaron , Roy Anderson 2014

(A Pigeon Sitting on a Branch Reflecting on Life)

 

Roy Anderson's conclusive piece of his trilogy shows abysses

of human existence and the pointlessness of some human lives,

so don't expect to be entertained in any way when you go to

watch this film. A knowledge of Kafka's works, the Absurd theater

and Bergman's films may however help you to give a more

objective reception to the film. Some of the scenes show excellent

directing skills and seem like painted still lifes from the last century.

Also Waiting for Godot comes to mind, when one looks at the two

old men trying to sell their pathetic "fun" articles and failing invariably.

There is intense beauty (and sadness) in the take in the old men's

home when Jonathan and Sam argue and Sam is listening to the

same melancholic song over and over again. Or a scene in a tavern,

where half the clients can't afford a drink and then are offered one

if they kiss the ugly landlady for which they stand in line and actually

do so. In the flamenco school scene, which is dreamlike, the Spanish

teacher takes a fancy to one of the dancers and actually caresses

him while he is dancing.

Two very brutal nightmare scenes are not designed for the shy,

timid or unexperienced film friend. A whiff from the past is experi-

enced when the Swedish king Charles XII makes his anachronistic

appearances in the tavern (in 1700/1985?), a dreamer sovereign who

loses his war "because he did not have enough horses for his

campaign." He came to power at the age of 15 and lost the Great

Northern War. He is shown leading his army to the war and coming

back beaten and wounded.

This is actually another dream scene with typically shifted realities.

The title perhaps suggests that even a bird may think more about

existence than some people do. It may also convey the reason

why some of the movie is filmed from a bird's eye view.

 

Written for IMdB

February 6 2015

 


 

Oh Banken!

 

Ihr habt’s besser! Euch wirft man das Geld nach, ihr könnt

damit machen was ihr wollt. Clean Business lieber nicht,

dafür umso mehr Offshore und US-Geschäfte. Kundendienst

wird gross geschrieben, auf dem Papier und natürlich in der

Beratung. Aber auch diese wird bald wie fast alles nun nur

noch gegen direkte Bezahlung geleistet. Negativ-Zinse! Bald

muss ich auch die Bank noch dafür bezahlen, dass sie mein

Geld verwalten und damit wirtschaften kann. Als ich ein Kind

war, verzinste die Volksbank Jugendsparhefte mit 5% wenn

ich mich richtig erinnere, heute sind es noch 0,5 – 0,05%!

Wir haben schon einige Provinzbanken kollabieren sehen,

die Sparenden standen da mit langen Gesichtern. Immer

wieder warnen Kenner der Finanzwelt vor dem grossen

Kollaps. Keine grosse Finanzmacht ist wirtschaftlich richtig

gesund, die Defizite in den USA sind ins Astronomische an-

gewachsen. Sogar China stagniert, die EU, Japan und Russland

sind auf dem absteigenden Ast. Und die Schweiz? Banken-

geheimnis good-bye! Die Zeiten, in denen unser Land

enorme Mengen an Blutgeld hortete, gehen hoffentlich jetzt

dem Ende zu. Zwar wurden die Geldmittel der grässlichsten

Diktatoren manchmal blockiert, aber ob sie nach deren

Ableben in die richtigen Hände geraten, ist eine offene Frage.

Und die Boni! Die Bonität der Banken sinkt, die Gehälter in

den Chef-Etagen steigen! Und jetzt wird die Anbindung des

Schweizer Frankens an den Euro-Kurs von heute auf morgen

einfach aufgegeben! Der SMI torkelt, sogar andere Indizes

reagieren! Und mehr bad news: die G20 hat ihren Mitglied-

ländern in Australien empfohlen, im Falle eines Crashes die

Derivate zu schonen und zuerst die Sparguthaben zu plündern.

Ja dann gute Nacht!

 

1.2.2015


 

Diotima/To Love somebody                                                                      für Lisbeth Leemann

 

Sie fand den Namen Diotima, den ihr ihre Eltern gegeben hatten, zwar schön, aber sie fragte sich, was er wohl heisse und fand spontan,   dass „Dio ti ama“ darin enthalten sein könnte. Als sie als Studentin den Hölderlinschen Text las, war sie zutiefst verwirrt. Hyperions Jugendlieben zu gleichaltrigen Jungen, die er ihr lange nicht mitteilte, waren zunächst kein Problem, irgendwann aber kamen da Zweifel auf.

Diese hohen Töne in der Liebe zu, ja eben, Diotima, verzauberten das Kind des 21. Jahrhunderts, liessen es träumen, vom idealen Partner schwärmen. Gleichaltrige Studenten fielen da weit ab. Flirts gab es viele, Dates ein paar, die Aspiranten kamen aber nicht weit. Kindisch,     roh, faul, langweilig oder ungebildet, es gab viele Ausprägungen von Mannsbildern, die ganz einfach nicht in Frage kamen: Motorradidioten, Sportfreaks, die alle Spieler aller europäischen und zum Teil überseeischen Fussball-mannschaften, denkwürdige Siege und traurige Niederlagen ihrer Lieblingsteams vollends gespeichert hatten, und immer wieder darüber labern konnten, aber keinen Sinn für Romantik hatten (und z.B. Novalis’ Werk nicht kannten) oder Kunstbanausen waren. Das würde doch nichts..

Diotima googelte dann ihren Namen und es wurde vieles noch unklarer. Sogar die Betonung ihres Namens wechselte im Verlauf der Jahrhunderte. Sophokles’ Idee der „platonischen Liebe“ wies sie weit von sich. Dass sie ihr Lateinlehrer immer wieder darauf ansprach, nervte Diotima früher unglaublich. Als sie ihm eine konkrete Frage diesbezüglich stellte, errötete dieser. Weise Seherin wie ihre Namensvetterin, erkannte sie die tiefe Verunsicherung und Frustration des Paukers, der über Ovid dissertiert, seine „Ars Amatoria“ aber nie erwähnt und immer nur über die „Metamorphosen“ geschwafelt hatte.

Da sieht Diotima eines Tages einen Studenten an der Uni, der einen sehr verträumten Eindruck macht und sie verknallt sich augenblicklich in ihn. Pechschwarzes Haar, oliv-braune Haut, mediterranes Aussehen, Denkerstirn und Adonis-Züge.

Wie ihn ansprechen? Ihm ihren Namen zuspielen?

Sie durchlebt Höllenpein, als er drei Wochen nicht in der Vorlesung auftaucht, Himmmelsglück, als er wieder da ist. Er nimmt kaum Notizen, beachtet sie nicht, lächelt manchmal verträumt vor sich hin und scheint auch andere Kommilitonen gar nicht wahrzunehmen.

Einmal lässt er ein Buch im Hörsaal T11 liegen, das ist ihre Chance. Pochenden Herzens nimmt sie es an sich. Es sind die Werke Lautréamonts auf Französisch.

Aber es steht kein Name im neuen Buch, nichts weist auf eine vertiefte Lektüre hin.

Diotima verschlingt das Buch und wundert sich, wie einer so etwas studieren kann. Das Zitat „O lecteur, mon semblable, mon frère“ beeindruckt sie aber tief. Sie entschliesst sich, ihren Namen, aber nicht ihre Adresse oder Telefonnummer ins Buch zu legen, und es ihm in der kommenden Woche auf seinen Platz zu legen, so dass er sie sehen, aber wegen des Vorlesungsbeginns nicht ansprechen könnte. Beide hören dann nicht hin, als der Dozent seinen Hörern klarmachen will, dass Heideggers Text über Nietzsche von der tiefen Verunsicherung des Nachgeborenen, seiner Angst vor dem Gedankenreichtum seines übergrossen Vorgängers spreche, der wie Hölderlin von einem „neuen Menschen“ geträumt hatte.

Diotima findet, sie sei dem Ziel ja schon beträchtlich nahe, erfährt von einem Kollegen, er heisse Leonidas und träumt weiter davon, ihn für sich zu gewinnen.

Dann sind Semesterferien und es ist noch immer keine Möglichkeit in Sicht, seinen Nachnamen zu erfahren. Bei der Einschreibung zum neuen Semester wartet sie ver-geblich auf sein Auftauchen. Sie schreibt sich ein für ein Seminar über, eben, Lautréamont. Obwohl ihr Französisch nicht gerade astrein ist, kann sie doch den Vorträgen einiges entnehmen, was sie höchst spannend findet: Die nebelhafte

Biografie des Autors, der in Frankreich lebte, in Uruguay geboren wurde, nur zwei Werke schrieb, ein grosses und ein kleineres, für seine Zeit (19. Jahrhundert) un-glaublich modern war, fantastische Bilder erschuf und rätselhafte Texte verfasste. Aber die ersten paar Wochen des Seminars ist da kein Leonidas. Sie denkt, vielleicht schreibt er sich noch später ein, liegt irgendwo am Strand und flirtet mit Frauen.

Dann aber, endlich, geschieht das Wunder dennoch. Leo, wie sie ihn für sich nennt, kommt einmal ins Seminar, dann wieder nicht. Als sie ihn darauf in der Stadt von weitem zu sehen glaubt, verliert sich auch diese Möglichkeit eines Tête à Têtes auch wieder, plötzlich ist er wie vom Erdboden verschwunden.

Wochen später, bei einem Besuch in einem teuren Lokal sieht sie ihn plötzlich hinter der Bar stehen. Wieder kann sie ihn doch nicht einfach so ansprechen, bestellt aber mehrere Drinks bei ihm und er unterhält sich dann auch kurz mit ihr (Dich kenn ich doch... Bist du nicht die... schön dich hier zu sehen...). Aber es sind zu viele Leute zu bedienen. Sie will ihn noch fragen, bis wann er denn da arbeite, das scheint ihr dann aber doch zu direkt. Eine Freundin tritt ein, grüsst sie und lädt sie ein, in ein anderes Lokal zu gehen. Wieder nichts, dachte Diotima.    Sie trinkt darauf ein paar Gläser zu viel und fühlt Katzenjammer am nächsten Morgen.

 

Januar 2015

 


 

Jodtabletten nein danke!

 

Nein, wir haben keine bekommen, wollen auch keine,

Jodtabletten als Placebo sind nicht willkommen. „Muster

ohne Wert“ oder „Refusé“ sind Stichworte, die sich da

unvermittelt einstellen. Einen Geigerzähler vielleicht

(den könnte man für eine Japanreise brauchen!).

Falls aber jemand nicht mehr in einer verseuchten Schweiz

leben möchte, wäre vielleicht eine Gratismitgliedschaft bei

Exit ein willkommeneres Präsent.

Die atomare Bedrohung in unserem Lande ist nicht nur

hausgemacht, sondern steht ebenso im nahen Frankreich.

In Hattenheim im Elsass ist ein uraltes KKW in Betrieb und

60 km von Genf entfernt in Bugey soll nun eine Wieder-

aufbereitungsanlage doch gebaut werden und in zwei

Jahren betriebsbereit sein. Der Rekurs der Stadt Genf

wurde abgelehnt, da der Abstand genügend gross sei!

Die Erfahrungen in Fukushima zeigen, dass die Verstrahl-

ung unregelmässig ist und sich nicht an irgendwelche

Radien hält, sondern dass Windrichtung und Gewässer da

eine besondere Rolle spielen.

Wir misstrauen den Rechnungen der Atomwirtschaft. Die

haben jahrelang den Preis ihres Produkts viel zu tief ange-

setzt, die sehr teure Entsorgung der Abfälle wurde bewusst

minimalisiert und damit wurden sich Wettbewerbsvorteile

auf dem Markt erschwindelt! Die Aufsicht der KKWs ist

wegen der Komplexität der Sachverhalte natürlich mit

diesen nahestehenden Wissenschaftlern besetzt. Auch

in den Diskussionen über den möglichen Atomenergie-

Ausstieg machen sich diese für eine Weiterführung der

hochgefährlichen Energieproduktion stark und verhindern

wo sie können Weichenstellungen in eine Zukunft, in der

Alternativenergien ein angstfreies Leben ermöglichen.

Die Risikogesellschaft ist verunsichert, der bereits be-

schlossene Ausstieg wird im Parlament endlos verwässert.

Die Abgabe der Jodtabletten war keine vertrauensbildende

Massnahme, sondern hat uns Steuerzahlern und Energie-

kunden im Gegenteil gezeigt, dass wir eigentlich Geiseln

der Atomlobby sind.

 

Januar 2015

 


 

Schreiben über nichts

 

Ich habe diese Woche noch fast nichts geschrie-

ben, was aber nicht dasselbe ist wie über nichts

zu schreiben. Als Atheist kann ich behaupten,

dass alle religiösen Texte Schriften über nichts

sind. Der Nihilismus in der Philosophie versuchte

dies zu belegen, scheiterte aber dabei natürlich.

Die Leere, das Nichts beschreiben oder malen?

Ist das überhaupt möglich, nötig, oder sinnvoll?

Politiker reden über nichts, viele Kolumnisten

schreiben über so wenig wie möglich, Kunst ist

dann über fast nichts zu schreiben. Lyrikerinnen

arbeiten auch mit Leerraum auf dem Blatt, was

da ist, ist aber nicht nichts, es ist reduziert.

In der modernen Kunst gibt es die Monochrom-

en, da ist auch wenig Abwechslung. Cézanne soll

der erste moderne Maler gewesen sein, der be-

wusst mit Leerstellen auf der Leinwand arbeitete,

also das Fragmentarische zur Kunstform erhob.

Es gab schon mehrere „Leerbücher“, die Lehr-

bücher sind hier nicht mitgemeint: blödsinnig leer

und höchstens als Notizbuch zu verwenden.<